Meine Heimatstadt .....
Meine Heimatstadt ist in Wirklichkeit eine Todeskrankheit, in welche ihre Bewohner hineingeboren und hineingezogen werden, und gehen
sie nicht im entscheidenden Zeitpunkt weg, machen sie direkt oder indirekt früher oder später unter allen diesen entsetzlichen Umständen
entweder urplötzlich Selbstmord oder gehen direkt oder indirekt langsam und elendig auf diesem im Grunde durch und durch
menschenfeindlichen architektonisch-erzbischöflich-stumpfsinnig-nationalsozialistisch-katholischen Todesboden zugrunde. |
Ein Geistlicher .....
Ein Geistlicher hat in einer solchen, dem Stumpfsinn des Katholizismus vollkommen ausgelieferten und von diesem katholischen Stumpfsinn
vollkommen beherrschten Stadt, die dazu in dieser Zeit auch noch eine durch und durch nazistische Stadt gewesen ist, bei einem
Selbstmörderbegräbnis nichts zu suchen.
Der ausgehende Herbst und das in Fäulnis und Fieber eingetretene Frühjahr haben immer ihre Opfer gefordert, hier mehr als anderswo in der
Welt, und die für den Selbstmord Anfälligsten sind die jungen, die von ihren Erzeugern und anderen Erziehern alleingelassenen jungen
Menschen, lernenden und studierenden und tatsächlich immer nur in Selbstauslöschung und Selbstvernichtung meditierenden, für welche
einfach noch alles die Wahrheit und die Wirklichkeit ist und die in dieser Wahrheit und Wirklichkeit als einer einzigen Fürchterlichkeit
scheitern. |
Die Tatsachen .....
Die Tatsachen sind immer erschreckende, und wir dürfen sie nicht mit unserer krankhaft in jedem ununterbrochen arbeitenden und wohlgenährten Angst vor diesen Tatsachen zudecken und die ganze Naturgeschichte als Menschengeschichte dadurch verfälschen und diese ganze Geschichte als eine immer von uns verfälschte Geschichte weitergeben, weil es Gewohnheit ist, die Geschichte zu verfälschen und als verfälschte Geschichte weiterzugeben, wo wir doch wissen, daß die ganze Geschichte nur einer verfälschte und immer nur als verfälschte Geschichte weitergegeben worden ist. |
Alles in dieser Stadt .....
Alles in dieser Stadt ist gegen das Schöpferische, und wird auch das Gegenteil immer mehr und mit immer größerer Vehemenz behauptet,
die Heuchelei ist ihr Fundament, und ihre größte Leidenschaft ist die Geistlosigkeit, und wo sich in ihr Phantasie auch nur zeigt, wird sie
ausgerottet. Salzburg ist eine perfide Fassade, auf welche die Welt ununterbrochen ihre Verlogenheit malt und hinter der das (oder der)
Schöpferische verkümmern und verkommen und absterben muß. |
Thomas Bernhard
Under
confusion
Die Ursache
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Die Schönheit .....
Die Schönheit dieses Ortes und dieser Landschaft, von welcher alle Welt spricht, und zwar fortwährend und immer nur auf die
gedankenloseste Weise und in tatsächlich unerlaubtem Tone, ist genau jenes tödliche Element auf diesem tödlichen Boden, hier werden die
Menschen, die an diese Stadt und an diese Landschaft durch Geburt oder auf eine andere radikale unverschuldete Weise gebunden und mit
Naturgewalt daran gekettet sind, fortwährend von dieser weltberühmten Schönheit erdrückt. |
Wahrscheinlich ist .....
Wahrscheinlich ist in Internaten und vornehmlich in solchen unter den extremsten menschensadistischen und naturklimatischen Bedingungen
wie in der Schrannengasse das Hauptthema unter den Lernenden und Studierenden, unter den Zöglingen kein anderes als das
Selbstmordthema, alles andere also als ein wissenschaftlicher Gegenstand, ein solcher Gegenstand nicht aus der Studienmasse heraus,
sondern aus dem ersten, alle gemeinsam am intensivsten beschäftigenden Gedanken heraus, und der Selbstmord und der Selbstmordgedanke
ist immer der wissenschaftlichste Gegenstand, aber das ist der Lügengesellschaft unverständlich. |
Die Lern- und Studierzeit .....
Die Lern- und Studierzeit ist vornehmlich eine Selbstmordgedankenzeit, wer das leugnet, hat alles vergessen. Wie oft, und zwar hunderte
Male, bin ich durch die Stadt gegangen, nur an Selbstmord, nur an Auslöschung meiner Existenz denkend und wo und wie ich den
Selbstmord (allein oder in Gemeinschaft) machen werde, aber diese durch alles in dieser Stadt hervorgerufenen Gedanken und Versuche
haben immer wieder zurück in das Internat, in den Internatskerker geführt. |
Die Häßlichkeit .....
Die Häßlichkeit und der Verfall aber, rasch fortgeschritten in dieser nicht nur von den Bombenangriffen und ihren Folgen verunstalteten Stadt, sondern auch durch die über sie herfallenden schließlich Tausende von Flüchtlingen in eine durch und durch chaotische verwandelt, gaben ihr auf einmal menschliche Züge, und so habe ich diese meine Heimatstadt nur in dieser Zeit, weder vorher noch nachher, tatsächlich inständig lieben können und auch inständig geliebt. |